The Future Is Unwritten! Zukunft bilden – Medien machen. Jugendliche setzen sich aktiv und medial mit Gegenwart und Zukunft auseinander

Zwei Medienprojekte mit Jugendlichen aus dem ländlichen Leipziger Raum, Stadt Wurzen


1. Ziele

 

Seit 2010 ist das Schweizerhaus Püchau e.V. als Kunst- und Kulturverein in der Region Landkreis Leipzig/Nordsachsen aktiv, um soziokulturelle Bildungsangebote auch im ländlichen Raum bereitzustellen. Vorort in Püchau steht das Offene Atelier für Seminare, Workshops etc. bereit, die zu diversen Themen und mit Hilfe verschiedener Methoden durchgeführt werden. Ein wichtiges Anliegen ist es, einen Raum der Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen, den die Bürgerinnen und Bürger der Region nutzen können, um eigene Ideen zu verwirklichen und selbständig Aktionen durchzuführen. Zusätzlich erreichen wir Kinder und Jugendliche der gesamten Region, indem wir Projekte und Kurse an Schulen anbieten. Zu unserer Zielgruppe gehören dabei besonders Kinder und Jugendliche mit Bildungsbenachteilung.

 

In diesem Projekt gestalten wir mediale Workshops für den Landesfilmdienst Sachsen e.V. im ländlichen Raum angeleitet von Martina Jacobi-Wilhelm und Leonore Kasper.

 

Die Schülerinnen und Schüler an Wurzener Schulen, die von den Projekten "Schlaraffenland" und "Gestern – Heute – Morgen" angesprochen werden, können unter dieser Benachteiligung leiden, weil sie im ländlichen Raum leben, weil sie in bildungsfernen und einkommensschwachen Familien aufwachsen oder weil sie einen Migrationshintergrund haben. In der Absicht, die Entwicklung von freien, verantwortungs- und selbstbewussten Individuen zu fördern, verfolgen die Projekte vier aufeinander aufbauende Ziele:

 

1) Die TeilnehmerInnen in ihrer Identität stärken

 

Als Grundlage wird die jeweils eigene soziale Lage bzw. der eigene Hintergrund reflektiert und damit das Selbst-Bewusstsein, das Selbstvertrauen gestärkt. Alle Teilnehmenden finden Anerken­nung und Wertschätzung als Individuen und als Mitglieder sozialer Gruppen.

 

2) Erfahrungen der Vielfalt ermöglichen

 

Die auf diese Weise gestärkte Identität versetzt die TeilnehmerInnen in die Lage, anderen Kulturen und Traditionen bewusst zu begegnen, Unterschiede wahrzunehmen, sie als positiv zu empfinden und Empathie zu entwickeln.

 

3) Kritisches Denken über Gerechtigkeit und Fairness anregen

 

Die Teilnehmenden setzen sich mit aktuellen, gesellschaftlich relevanten Themen auseinander. Sie üben eine unabhängige, kritische Herangehensweise und entwickeln eine gemeinsame Sprache zur Verarbeitung der Fragestellungen.

 

4) Ermuntern zum Engagement gegen Unrecht und Diskriminierung

 

Die TeilnehmerInnen werden ermutigt, aktiv für Gerechtigkeit einzutreten, wo diskriminierendes Verhalten gegen sie oder andere erfahren oder beobachtet wird. Das Medium Film wird ihnen als eine Möglichkeit vertraut gemacht, sich proaktiv zur sie umgebenden Gesellschaft zu verhalten.

 

2. Umsetzung: Aktivitäten der Projekte

 

"Schlaraffenland": Der erste Workshop fand mit neun Jugendlichen in den Räumlichkeiten des Netzwerks für demokra­tische Kultur e.V. (NDK) in Wurzen statt. Der Aufhänger "Schlaraffenland" sollte zur Reflexion der Frage "Wie wollen wir leben?" führen. Die Kinder verarbeiten ihre Gedanken und Ideen mit einfachen filmischen Mitteln.

 

"Gestern – Heute – Morgen": Der zweite Workshop fand mit 15 Jugendlichen der Pestalozzi-Oberschule Wurzen beim NDK in Wurzen statt. Die Reflexion der Fragen, wie die eigenen Eltern früher gelebt haben, wie die Jugendlichen selbst heute leben und welche Träume und Befürchtungen sie mit der Zukunft verbinden, mündet in ihre Verarbeitung mithilfe filmischer Mittel und eigener szenisch-dramaturgischer Ideen.

 

1) Identität stärken: Am Anfang beider Workshops stand eine intensive Gruppenarbeit, die als Einführung in die Themen diente und dabei die Identität der Teilnehmenden in ihrem jeweiligen sozialen Umfeld thematisieren sollte. Es wurde herausgestellt, was Identität ist (verschiedene Rol­len, die wir ausfüllen; Eigenzuschreibungen; äußerliche und soziale Komponenten etc.), dass Iden­tität einen direkten Einfluss auf das Leben des Menschen hat mit sehr realen Vor- und Nachteilen. Die Kinder reflektierten ihre eigene Identität und erstellten ein Bild von sich selbst (Zeichnung, Text o. ä.), das schließlich in der Gruppe vorgestellt wurde. Angeregt wurde damit in beiden Workshops von unterschiedlichen Ausgangspunkten aus das Nachdenken über die Frage, wer man ist und wie man lebt, wer man sein will und wie man gern leben möchte.

 

In Kleingruppen projektierten die TeilnehmerInnen schließlich selbst kurze Filme, die die Themen aus ihrer Sicht veranschaulichen und eine selbstgewählte Aussage enthalten. Dazu wurde ihnen das Potential einfacher filmischer Mittel und verschiedener Filmtechniken (Interview, Animation, Stop-Motion, Effekte, Sound) nahe gebracht. Notwendiges technisches Wissen wurde vermittelt. Die medienpädagogischen Elemente stärken nebenbei die Medienkompetenz und die kreative Handlungskompetenz der Kinder und Jugendlichen.

 

2) Vielfalt erleben: In der Begegnung der TeilnehmerInnen untereinander wird die Vielfalt der Gruppe anschaulich. Im Rahmen der Filmprojekte haben sie zudem Gespräche geführt mit MitarbeiterInnen des NDK, mit Eltern und Großeltern sowie mit Wurzener BürgerInnen, die wiederum Begegnungen mit anderen Ansichten und Vorstellungen von einem guten Leben darstellen. Um bei all dem tolerante und vorurteilsfreie Kommunikation zu ermöglichen, wurden zu Beginn Vereinbarungen über eine wertfreie und offene Gesprächskultur getroffen. In dieser Phase der Filmvorbereitung lernen die Teilnehmenden fremde Kulturen, Spiele, Lebensgeschichten kennen, sie dürfen und sollen neugierig sein, Fragen stellen, sich wundern und sich austauschen.

 

3) Kritisches Denken: Dieses Wundern über fremde Ansichten wird zum Ausgangspunkt eines Reflexionsprozesses, der bei den TeilnehmerInnen im besten Fall die Sensibilität für Vorurteile schärft, denn gerade Kinder übernehmen diese oft unhinterfragt aus ihrem Umfeld und reprodu­zieren sie. Indem verschiedene Ansichten und Äußerungen im Rahmen des Filmprojekts einge­ordnet und verarbeitet werden müssen, erkennen die Teilnehmenden, dass Unterschiede bewertet werden, dass sie positiv oder negativ gedeutet werden und dass oft Vorurteile dahinterstecken. Gemeinsam mit den Betreuern werden Stereotypen herausgearbeitet und hinterfragt.

 

Vor diesem Hintergrund werden nach und nach die Filmkonzepte ausgearbeitet und verfeinert. Entscheidungen für bestimmte Filmtechniken werden getroffen, erste Ton- und Videoaufnahmen gemacht. Die Kinder des ersten Workshops entscheiden sich mehrheitlich für die Stop-Motion-Technik und kombinieren diese zum Teil mit szenisch-pantomimischen Darstellungen und Sound-Effekten. Sie erzählen kurze Geschichten über Liebe und Egoismus, Freundschaft und Familie, Streit und Versöhnung. Dabei werden ihre Idealvorstellungen menschenfreundlichen Verhaltens konfrontiert mit Einsamkeit und Selbstsucht, die durch Notlagen verursacht wird. Auf humorvolle, aber auch nachdenkliche Weise werden verschiedene Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften gegenübergestellt.

 

Auch die Jugendlichen des zweiten Workshops wählen verschiedene filmische Mittel und kombi­nieren diese. Hier aber findet die inhaltliche Auseinandersetzung stärker und direkter Eingang in die Filme als bei den jüngeren. Mittels Interviews mit Bürgern, die auch kritische Ansichten über die Gegenwart äußern, wird direkt die Frage thematisiert, wie man leben will und warum das oft nicht funktioniert. Insgesamt entstehen nachdenkliche Bilder über die Stadt, in der die Jugendlichen leben, und ihre Zukunft.

 

4) Selbstbewusstsein und Engagement: Die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen haben sich mit dem Medium Film auseinandergesetzt; sie haben sich technische und handwerkliche Kompetenzen angeeignet; sie sind selbst aktiv und kreativ geworden; sie haben sich mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld und ihrer eigenen Rolle in demselben beschäftigt und sich die Frage gestellt, welche Zukunft sie erwarten und sich wünschen; schließlich sind sie mit anderen Menschen über solche Fragen ins Gespräch gekommen und haben deren Ansichten und Blickwinkel kennen gelernt. Am Ende kommen die TeilnehmerInnen nicht nur mit hoffentlich eindrücklichen Erfahrungen nach Hause, sondern auch mit etwas selbst Geschaffenen: einem Film, der vorgezeigt werden kann, den Freunde und Verwandte zu sehen bekommen können.

 

Gestärkt werden somit die Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen, ihre Selbstwirksam­keitsüberzeugung und ihr Selbstbewusstsein. Zudem wird ihnen die gesellschaftliche Vielfalt vor Augen geführt und ein positiver, bejahender Umgang mit ihr nahe gebracht. Vorurteile werden dekonstruiert und ein offener und fairer Umgang anderen Menschen gegenüber wird vermittelt. Es bleibt zu hoffen, dass diese Erfahrungen eindrücklich sind und helfen, die Heranwachsenden zu selbstbewussten und integren Menschen zu machen, die für ihre Überzeugungen einzustehen bereit sind.

 

3. Erfahrungen und Ergebnisse

 

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren bereit, sich auf die Themen und Fragestellungen der Workshops einzulassen und aktiv mitzuwirken. Die Abstraktion "Schlaraffenland" bot einen geeig­neten Zugang zu der Frage nach den Vorstellungen von einem guten Leben. Vor allem im Gespräch untereinander und mit Erwachsenen und Interviewpartnern konnte das Thema produktiv erschlossen werden. Jedoch war es schwer, mit zufälligen Passanten in Wurzen ins Gespräch zu kommen; diese waren zu Gesprächen meist nicht bereit. Die zweite Workshop-Gruppe war in stärkerem Maße auf die Erfahrungen und Erzählungen von Erwachsenen angewiesen, um die Spannbreite von Vergan­genheit, Gegenwart und Zukunft zu erschließen. Sie tauschten sich daher mit VertreterInnen des NDK, mit Wurzener LadenbesitzerInnen und Verwandten aus. Gesellschaftliche Zu- und Umstände sind auf diese Weise als veränderlich und veränderbar erfahren worden. Das Umfeld, die eigene Stadt ist dadurch aus einer anderen als der gewohnten Perspektive erfahren worden – was am Staunen der Kinder abzulesen war – und womöglich ist die Basis für eine stärkere Identifizierung mit der Stadt geschaffen worden. Viele Themen und Fragen wurden aufgeworfen, die aufgrund von Zeitmangel letztlich nicht abschließend diskutiert werden konnten.

 

Sehr aufgeschlossen und neugierig sind die Kinder und Jugendlichen gegenüber der Video-Technik und den filmischen Gestaltungsmitteln und -strategien gewesen. Mit der nötigen Technik waren die Jugendlichen schnell vertraut. Hilfreich bei der Veranschaulichung des medialen Potentials und bei der Findung von Ideen für die eigenen Filme waren Beispielvideos, die auf Internetplattformen gezeigt wurden. Daraufhin konzipierten die TeilnehmerInnen ihre Filmideen und Stories weitest­gehend eigenständig. Der Umgang mit der Technik, die kreative Arbeit und die Umsetzung eigener Ideen hat ihnen sichtlich Spaß bereitet.

 

Als greifbare Ergebnisse sind in beiden Workshops – mit Unterstützung von Martina Jacobi-Wil­helm und Leonore Kasper – jeweils vier Videos inklusive Sound-Effekten entstanden, die von Leonore Kasper jeweils zu einem repräsentativen Kurz-Film zusammengefasst und mit einer Collage aus Interview-Ausschnitten hinterlegt wurden. Im Workshop "Schlaraffenland" haben die Kinder zusätzlich acht Plakate mit Wünschen der Kinder für ihre Zukunft gestaltet.

 

4. Schlussfolgerungen und Perspektiven

 

Im Vorfeld und auch während der Projektwochen sind mit allen Beteiligten (Vorbereitungs-) Gespräche geführt worden, was sich als sehr positiv herausgestellt hat. So konnte auf individuelle Bedürfnisse und Bedingungen, auch auf Ängste der TeilnehmerInnen eingegangen werden. Das Konzept und der Ablaufplan konnten spontan angepasst werden und beispielsweise im Workshop der jüngeren mehr spielerische Elemente eingebaut werden. In der Gruppe der größeren ist dagegen mehr Zeit für inhaltliche Gespräche eingeräumt worden. Dafür ist auf die plakatförmige Gestaltung und Präsentation von Vergangenheits- und Zukunftsgedanken verzichtet worden. Flexibilität in der Anleitung und Betreuung ermöglichte eine größtmögliche Selbstbestimmung der Teilnehmenden, was von letzteren dankbar aufgenommen wurde. Sie waren so sehr frei in der Entwicklung eigener Ideen; zur Sicherheit stand bei Bedarf unser Personal mit Ratschlag und praktischer Hilfe bereit. Die Kinder haben Abläufe, die Schwerpunkte ihrer Beschäftigung im Rahmen des vorgegebenen Themas, die Art und Weise der filmischen Umsetzung selbst bestimmt. Schließlich haben sie sich darüber verständigt, ob die Präsentation der Ergebnisse öffentlich stattfinden sollte oder nicht.

 

Bei aller Freiheit war es sehr hilfreich, eine konkrete thematische Vorgabe als Ausgangspunkt anzu­bieten, die den Teilnehmenden Orientierung bietet und von der aus das Thema erschlossen werden kann. Insgesamt halten wir es für eine vorteilhafte Kombination, ein fixes Thema vorzugeben, das dann jedoch offenlässt, wie die Kinder damit umgehen, das heißt, welche Dimensionen des Themas sie vertiefend bearbeiten wollen. Selbst entschieden werden konnte zum Beispiel, wie stark das Thema mit der eigenen Lebenswelt in Verbindung gebracht werden sollte oder wie abstrakt und fiktiv es bleiben sollte; ob positive Visionen humorvoll oder ernst dargestellt oder ob kritische, nachdenkliche oder nostalgische Töne angeschlagen werden sollten.

 

Medienpädagogisch kann geschlussfolgert werden, dass die Kinder und Jugendlichen sehr positiv auf das Angebot reagiert haben, ein eigenständiges Filmprojekt zu verfolgen. Die Auswahl der ver­schiedenen filmischen Gestaltungsmittel und die Möglichkeit, diese zu kombinieren, hat offenbar die Fantasie angeregt und zu individuell verschiedenen Ergebnissen geführt. Die TeilnehmerInnen waren fasziniert von den einfachen filmischen Möglichkeiten und Tricks, mit denen ihre Ideen umgesetzt werden konnten. Dem jeweiligen Alter entsprechend sind unterschiedliche Gestaltungsmittel gewählt worden. So haben die Jüngeren eher Animationen und fiktive Settings und Plots umgesetzt. Die Älteren haben zum Teil einen dokumentarischeren Stil gewählt und stärker auf die Integration von Interview-Ausschnitten gesetzt. Motivierend wirkte zudem die Aussicht, ein Produkt zu erarbeiten, dass im Nachhinein Bestand haben würde, das sogar veröffentlicht werden und vielen Menschen zugänglich sein würde. Am Ende war ein gewisser Stolz und Zufriedenheit mit dem Geschaffenen zu spüren.

 

Insgesamt bietet es sich aus unserer Sicht unbedingt an, in Zukunft weitere Projekte in diesem oder ähnlichem Format und medienpädagogischen Zuschnitt anzubieten, wobei jeweils ein konkretes Thema vorgegeben sein sollte, das zur Reflexion über das eigene Leben und das anderer Menschen – womöglich Kulturen – anregt. Regional spezifische Themen könnten für leichte Anknüpfungsmöglichkeiten sorgen. Historische Themen, die die eigene Lebenswirklichkeit mit den vergangenen Zeiten konfrontieren, funktionieren – vor allem bei den älteren Jugendlichen – sehr gut.

 


Partner im Projekt

Schweizerhaus Püchau e.V.

Netzwerk für demokratische Kultur e.V.

Pestalozzi Oberschule Wurzen

umsetzung

Leonore Kasper

Martina Jacobi-Wilhelm